Rudergesellschaft
Ghibellinia
Waiblingen

 

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  • 2000
  • Waiblinger Baumann/Schwab sind deutsche Vizemeister

Das Wasser-Ballett der Rennkrokodile

Rudern, 29. Waiblinger Regatta der Rudergesellschaft Ghibellinia: Eindrücke eines Laien - 17.07.2000 Von unserem Redaktionsmitglied Peter Schwarz
Waiblingen.

Die Luft riecht frisch und feucht, die Rems döst schmutzbraun vor sich hin. Sonntag- morgen: Regentropfen sprenkeln den Wasserspiegel mit sich weitenden und wieder auflösenden Kreisen. Der Tag hat nur drei Farben: das Mattweiß das Himmels; den trüben Karamellton des Flusses; das schwere Dunkelgrün der Vegetation. Die Regatta-Zuschauer stehen beim Bootshaus der Rudergesellschaft Ghibellinia Waiblingen auf der Brücke und frösteln. In der Ferne nahen zwei Boote. Es sieht aus wie idyllisches Pitschelpatschel dort hinten.

Dann rücken die Boote näher. Immer, wenn die Ruderblätter ins Wasser schneiden, entsteht am Eintauchpunkt ein Kreis, wie wenn man einen Stein ins Wasser wirft. Die Boote gleiten dahin und streuen stetig, gleichmäßig Kreise - sie malen ein Muster. Es sieht schön aus, und immer noch eher beschaulich als athletisch.

Doch dann fahren die Boote unter der Brücke durch, und die Geschwindigkeit trifft einen wie ein Schock. Fließend sind die Bewegungen der Ruderer, da ist nichts Ruckiges, auch kein wildes Plantschen, kein Schlachtenlärm wie bei den Schwimmern, wenn die Krauler das Wasser pflügen. Da ist nur ein leichtes Schmatzen, wenn die Ruderblätter eintauchen, und das Knarren der Riemen in den Halterungen. Mit gut 20 km/h gleiten die schlanken Riesen fast lautlos unter einem vorbei, weich, eine Ahnung von Schwerelosigkeit vermittelnd.

Die gebündelte und auf den Punkt konzentrierte Muskelkraft, die sich auf den Ruderbänken entfaltet, erahnt der Betrachter erst, wenn die Boote unter der Brücke hindurch schießen und auf der anderen Seite wieder hervor kommen. Der Zuschauer wendet sich um, schaut den Booten nach und sieht nun erstmals in die Gesichter der Athleten, die ihm bislang nur den Rücken gezeigt hatten: Mundwinkel zucken. Backenmuskeln beben. Stirnadern schwellen.

Nachher zur Siegerehrung klettern die erfolgreichen Ruderer aus ihren Booten und stehen strümpfig oder barfuß im Regen, auf einem seifigen Wackelsteg aus Holz. Rudern ist nichts für Warmduscher, das sieht man auf den ersten Blick.

Danach braucht es einen zweiten, dritten, vierten Blick, damit sich einem die Komplexität und Raffinesse dieser Sportart erschließt. Rudern, so hat der Laie sich das vorher gedacht, Rudern wird ja wohl nicht so schwierig sein. Tunkt man halt die Paddel ins Wasser und schippert auf geradem Weg von A nach B. Hau-Ruck.

Doch dann sieht Herr Ahnungslos diese Boote: höchstens einen halben Meter breit, aber bis zu 18 Meter lang, wie hochgetrimmte Krokodile, die eine übereifrige Evolution immer noch länger, noch wasserschnittiger, noch schlanker gemacht hat: filigran, aber nicht leicht zu beherrschen.

Die Schuhe sind auf einem schräg gestellten Fußbrett festgeschraubt. Der Ruderer steigt rein, schlüpft in die Latschen und setzt den Hintern auf ein hölzernes Tellerchen. Der Teller ruht auf Rädern, die Räder laufen auf Schienen. Der Sitz bewegt sich rhythmisch vor und zurück, wenn der Ruderer die Knie anzieht und die Beine durchdrückt, die Ruderblätter durchs Wasser presst und über dem Wasserspiegel wieder zurück zieht.

Rudern auf der Rems sei eine "Extremsportart", steht im Programmheft: Der Fluss ist beim Bootshaus vielleicht 25 Meter breit. Zwei Boote fahren nebeneinander, jedes hat mit ausgefahrenen Rudern etwa sechs Meter Spannweite. Die Sportler müssen gnadenlos wuchten und gleichzeitig präzise Kurs halten, weil sonst unversehens die Riemen der beiden Kontrahenten miteinander fechten... Die Ruderer brauchen ein blindes Gespür für den rechten Weg: Sie sitzen ja mit dem Rücken zur Fahrtrichtung.

Ein Ruderer leistet einen gewaltigen Kraftakt - und feinmotorische Präzisions- arbeit: Das Ruderblatt taucht aus dem Wasser auf, wird gekippt, mit einer ganz kurzen, zackigen Handgelenksdrehung in vertikale Lage gebracht, liegt jetzt parallel zur Wasseroberfläche und wird haarscharf, hauchdicht über dem Wasserspiegel entlang geführt, zurück in die nächste Eintauchposition. Wenn mehrere Leute in einem Boot sitzen, vollzieht sich der ganze Bewegungsablauf im Gleichklang. Es ist, als tanzten die Ruder Ballett.

Die besten Teams während der beiden Regatta-Tage haben eine Ahnung davon vermittelt, was eine Rudercrew sein kann: ein einziger Organismus, angetrieben von einem einzigen Puls, gesteuert von einem einzigen Gehirn, getrieben von einem einzigen Geschwindigkeitsgefühl.

Eine kurze Regelkunde
Und nun noch eine kurze Einführung in Hinblick auf die Olympiade in Sydney - spätestens im September interessiert sich auch der gemeine Ruderbanause ja wieder mal brennend für diesen sonst oft wenig beachteten Sport, weil es da immer so viele Medaillen für Deutschland gibt. Also: Beim Rudern gibt es zwei Möglichkeiten. Der Ruderer hält entweder mit beiden Händen ein einziges großes Ruder, einen so genannten "Riemen"; oder er hat in jeder Hand ein eigenes, allerdings kleineres Ruder, die beiden "Skulls". Es gibt Achter (acht Leute an den Riemen), Vierer (Riemen) und Doppelvierer (Skulls), Zweier und Doppelzweier. Und den Einer. Einer? Der Einer müsste streng genommen Doppel-Einer heißen, denn ein einziger Fahrer, der statt zweier Skulls nur einen langen Riemen zur einen Bootsseite rausstrecken dürfte, würde wohl eher einen Drehwurm kriegen als jemals irgendein Ziel zu erreichen.

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